MUNZINGER Wissen, das zählt | Zurück zur Startseite
Wissen, das zählt.


MUNZINGER Pop
Joe Cocker

Joe Cocker

britischer Blues- und Rocksänger
Geburtstag: 20. Mai 1944 Sheffield
Todestag: 22. Dezember 2014 Crawford/CO (USA)
Klassifikation: Blues-Rock, Blues, Soul
Nation: Großbritannien

Pop-Archiv International 05/2015 vom 12. Mai 2015 (Roland Schmitt)
Ergänzt um Nachrichten durch MA-Journal bis KW 21/2015


Einordnung: Es hat wohl bisher keinen Rockstar gegeben, dessen Leben und Karriere ähnliche Höhen und Tiefen vorweisen konnte wie das von Joe Cocker. Obwohl er unzählige Male völlig am Boden war, rappelte sich der Engländer immer wieder auf. Zahlreiche Kritiker, die ihn zeitweilig am Ende sahen, belehrte Cocker stets eines Besseren.

Herkunft: John Robert Cocker wurde am 20. Mai 1944 in der nordenglischen Stahlmetropole Sheffield geboren. Als Teenager entdeckte er seine Liebe für schwarze Musik, insbesondere für jene seines großen Vorbilds Ray Charles. Als er im Sommer 1963 seine erste halb professionelle Gruppe VANCE ARNOLD & THE AVENGERS gründete, hatte C. seinen Job als Installateur bereits an den Nagel gehängt. Seine Stimme fand bei "Decca" Gehör. Plattenaufnahmen folgten, und eine Single mit der BEATLES-Nummer "I'll Cry Instead" wurde im Oktober 1964 veröffentlicht, allerdings ohne nennenswerten Erfolg, so dass er sich nach einigen wenig erfolgreichen Tourneen fürs Erste einmal zurückzog.

Woodstock – Welterfolg – Zusammenbruch: 1966 lernte C. den ebenfalls aus Sheffield stammenden Organisten Chris Stainton kennen, mit dem er eine neue Gruppe namens GREASE BAND aufbaute. Ihre erste Single, "Marjorine", geschrieben von C. (Text) und Stainton (Musik), kletterte 1968 in die Top 50 der englischen Charts. Die zweite Single, eine Cover-Version eines BEATLES-Songs, erreichte gar Platz 1. Es war der Song: "With A Little Help From My Friends", mit dem C. den Durchbruch schaffte. Von nun an ging es Schlag auf Schlag: Eine Tournee jagte die andere. Mit der Teilnahme am "Woodstock"-Festival setzte er sich auch in den USA durch. Zwei LPs, "With A Little Help From My Friends" und "Joe Cocker!", beide 1969 nacheinander erschienen, wurden zu Dauerbrennern.

Der grandiose Erfolg schien C. aber über den Kopf zu wachsen. Nach der Trennung von seiner GREASE BAND war der Sänger, den finanzielle Angelegenheiten nicht interessierten, aus vertraglichen Gründen gezwungen, eine 57-tägige US-Tournee nachzuschieben. Leon Russell, den C. bei den Aufnahmen für sein zweites Album kennengelernt hatte, trommelte in kürzester Zeit eine 21-köpfige Sessionband zusammen, die als MAD DOGS & ENGLISHMEN die Konzertreise absolvierte. Das Live-Doppelalbum und der Film, beide während der Tournee aufgenommen, ließen sich hervorragend vermarkten. Der Einzige, der (fast) leer dabei ausging, war C. Physisch, psychisch und finanziell am Ende zog er sich ins heimatliche Sheffield zurück.

Comebackversuche: 1972 erschien C. wieder auf der Bildfläche. Er tourte mit der CHRIS STAINTON BAND durch die USA. Ein Mitschnitt, der erst 1976 mit dem Titel "Live In L. A." veröffentlicht wurde, dokumentiert den Niedergang von C. und seiner Stimme. Einige Songs waren schon zuvor auf der eher durchschnittlichen LP "Something To Say" (1972) aufgetaucht. Nach dem vorläufigen Ende der Zusammenarbeit mit Stainton nahm sich Jim Price als Produzent der Karriere C.s an. Es entstanden zwei Alben, "I Can Stand A Little Rain" (1974) und "Jamaica Say You Will" (1975), die drastisch den problematischen Gemütszustand von C. vor Augen und Ohren führten.

Immerhin lernte C. neue Freunde kennen: schwarze Musiker aus der New Yorker Jazz-Szene um Richard Tee und Eric Gale. Mit ihnen (STUFF) ging er 1976 nach Kingston, Jamaika, und nahm dort die nach langer Zeit erstmals wieder rundum zufriedenstellende LP "Stingray" (1976) auf. Die entspannte Stimmung drückt sich in allen Songs, vor allem in der von Peter Tosh zum Reggae umarrangierten Dylan-Komposition "The Man In Me", aus. Das Fehlen potenzieller Single-Hits auf "Stingray" ließ jedoch auch diese LP nicht sonderlich erfolgreich sein. C., der keinen neuen Plattenvertrag bei "A & M" erhielt, tauchte wieder in England unter, wo er gelegentlich mit KOKOMO, der Nachfolgetruppe der GREASE BAND, Konzerte bestritt.

1978 zog es C. wieder in die USA, wo er von "Asylum" ein lukratives Angebot erhielt. Unter der Regie des Disco-Funk-Altmeisters Allen Toussaint spielte er mit einer Riesenmannschaft namhafter Sessionmusiker das Album "Luxury You Can Afford" (1978) ein. Obwohl als "Mainstream"-Produkt konzipiert, wurde es ein Flop. Eine dubiose "Woodstock Revival-Tour" 1979, die er gemeinsam mit Arlo Guthrie, Richie Havens und Country Joe McDonald unternahm, entwickelte sich für ihn fast zum Fiasko. Konzertabbrüche, bedingt durch seine labile körperliche Verfassung, standen an der Tagesordnung. Nicht wenige Journalisten weideten sich an seinem hohen Alkoholkonsum.

C. verschwand erneut von der Bildfläche, bis ihn die Funk-Jazz-Truppe THE CRUSADERS 1981 aus der Versenkung holte und mit ihm die LP "Standing Tall" aufnahm, auf der C. zwei autobiographische Songs vorstellte. "Island"-Boss Chris Blackwell zeigte sich beeindruckt und investierte eine halbe Mio. DM für eine neue Plattenproduktion, die nahezu uneingeschränktes Lob erhalten sollte. In den berühmten "Compass Point"-Studios auf den Bahamas gelang es C. dank der einfühlsamen Musikercrew um die Reggae-Asse Sly Dunbar und Robbie Shakespeare und der sicheren Produzentenhand Alex Sadkins mit "Sheffield Steel" (1982) einen neuen Meilenstein seiner Karriere zu setzen. Allerdings verkaufte sich die Platte in den USA nur sehr mäßig.

Singlehit und weltweites Comeback: Dafür erreichte C. im Duett mit Jennifer Warnes Ende 1982 den größten Single-Erfolg seit "With A Little Help From My Friends": Die süßliche Ballade "Up Where We Belong" aus dem Film "Ein Offizier und Gentleman" platzierte sich überraschend auf Platz 1 der US-Charts. Gleich zwei hochkarätige Auszeichnungen für den besten Filmsong des Jahres konnte sie einheimsen: einen "Oscar" und einen "Grammy". Im August 1983 feierte C. mit seinem Auftritt beim "Rockpalast"-Festival auf der "Loreley" mit seiner AMERICAN STANDARD BAND sein erneutes Comeback. Das längst angekündigte Album "One More Time" wurde jedoch nicht veröffentlicht. Musikalische Differenzen mit Blackwell, dem die Produktion angeblich zu lau war, beendeten die kurze Ehe mit "Island" vorzeitig.

Neuer Vertragspartner war nun "Capitol". Dort wurde im Frühjahr 1984, parallel zur Europatournee, die LP "Civilized Man" veröffentlicht. Eine Seite enthält Aufnahmen aus der "One More Time"-Produktion, die andere Seite wurde völlig neu, z. T. mit TOTO-Musikern, eingespielt. Während die LP in den USA nicht einmal die Top 100 schaffte, lief sie in der Bundesrepublik ausgezeichnet und platzierte sich unter den ersten zehn Alben der Verkaufshitparade. Eine ausgedehnte Tournee und zahlreiche Festivalgigs ließen 1984 zu einem C.-Erfolgsjahr vor allem im deutschsprachigen Raum werden.

Im Frühjahr 1986 erschien das seiner kurz zuvor verstorbenen Mutter gewidmete Album "Cocker". Trotz der durchschnittlichen, vor allem uneinheitlichen Produktion (an der allein fünf Produzenten, u. a. Ritchie Zito, Ron Nevison und Terry Manning, beteiligt waren) wurde die LP ein Riesenerfolg (erstmals eine "Goldene Schallplatte" in Deutschland). Doch so groß die Anerkennung auf dem Kontinent war, so gering war die Resonanz auf dem angloamerikanischen Markt.

Dauerhafte Erfolge in Deutschland und Europa: Ende 1986 nahm C. "Now That You're Gone", den Titelsong für den Schimanski-Krimi "Zabou", auf. Produzent Tony Carey und C. hatten den englischen Text des von Klaus Lage komponierten Titels geschrieben. Dieser und weitere Soundtrack-Songs konnten den Erfolg von "Up Where We Belong" jedoch nicht wiederholen.

Um im englischsprachigen Raum endlich wieder größeres Interesse zu wecken, verpasste man C. eine komplett neue Begleitband und mit Dan Hartman und Charlie Midnight ein US-Charts-erprobtes Produzentenduo. Im Herbst 1987 erschien das Opus "Unchain My Heart", das zwar die übliche Mixtur aus neuen und altbekannten Songs (z. B. "Isolation" von John Lennon) enthält, aber um einiges härter eingespielt wurde. Das Album platzierte sich in der deutschen Hitparade mehrere Wochen lang auf Platz 1.

Rechtzeitig zur Festival- und Tourneesaison wurde im Juni 1989 das Album "One Night Of Sin" veröffentlicht, das die seit "Civilized Man" eingeschlagene Marschroute fortsetzte: Mainstream-Rock mit Rhythm-&-Blues-Anleihen (D # 2). Ein historisches Ereignis durfte C. am 12. November 1989 durch seinen Auftritt würdigen: Drei Tage nach dem Fall der Mauer bildete er den krönenden Abschluss eines spontan organisierten Festivals, des "Konzerts für Berlin", das in der "Deutschlandhalle" über die Bühne ging. Sein "With A Little Help From My Friends" avancierte zur "Hymne des Tages" ("taz", 14.11.1989).

Sein Engagement für die bedrohten Regenwälder stellte C. als Mitglied der ARTISTS UNITED FOR NATURE (neben Sandra, Jennifer Rush u. a.) unter Beweis, die, ebenfalls im November 1989, die Single "Yes We Can" veröffentlichten. In den USA schaffte C. zum Jahreswechsel 1989/1990 (nach acht Jahren) endlich wieder einen Charts-Erfolg: Die Single "When The Night Comes" platzierte sich immerhin in den Top 20. Gleichwohl blieb sein Superstar-Status – wie schon in den 1980er Jahren – auch weiterhin auf Kontinentaleuropa (und dort besonders auf Deutschland, Italien und Skandinavien) beschränkt.

Das Jahr 1990 war gekennzeichnet durch lange Konzertreisen und Festivalauftritte. Ein in Lowell, Massachusetts, im Oktober 1989 eingespieltes Live-Album (in jenem Jahr war C.s Freund und Kollege aus frühen Jahren, Chris Stainton, wieder festes Mitglied in der JOE COCKER BAND geworden) verkaufte sich recht gut.

"Night Calls" (Herbst 1991 vorerst nur in Kontinentaleuropa veröffentlicht) ist ein "Werk ohne Ausfall" ("tip", 24/1991). Das bewährte Erfolgsrezept weiterverfolgend, präsentierte C. darauf eine stimmige Mischung aus packenden Midtempo-Rocksongs und erdigen Balladen, die entweder eigens für ihn von namhaften Autoren (z. B. Don Dixon/Ex-R.E.M.-Producer, Prince, Jeff Lynne) geschrieben wurden oder aus dem offenbar unerschöpflichen Pool von (englischen) Rockklassikern stammen.

Anfang 1992 begab sich C. auf eine ausgedehnte Europatournee, die vor allem in Deutschland wieder zum Triumphzug geriet, begleitet von hohen Charts-Notierungen für "Night Calls" und starker Medienpräsenz. C. hatte sich zwischenzeitlich von seinem langjährigen Manager Michael Lang getrennt und wurde nun von Roger Davies (Tina Turner u. a.) vertreten.

Im April 1992 erschien "Night Calls" auch in England, allerdings mit veränderter Tracklist: Neben den neuen Songs "Feels Like Forever", einer Bryan-Adams/Diane-Warren-Komposition für den Film "The Cutting Edge", John Miles' "Now That The Magic Has Gone" und Joshua Kadisons "When A Woman Cries" enthält es auch eine veränderte Version von "Unchain My Heart" sowie "When The Nights Come". Diese beiden letzten Nummern und auch "Feels Like Forever" liefen häufig im Radio, platzieren sich überraschend in den Top 30 und hievten das Album immerhin auf Rang 25. Die im Juni 1992 nachgeschobene Compilation "The Legend - The Essential Collection" landete in C.s Heimatcharts gar auf # 4. Währenddessen kassierte C. in Deutschland Gold- und Platinauszeichnungen für "Night Calls" und ein "Best Of"-Album. Die zweite Jahreshälfte war geprägt von einer großen Nordamerikatournee mit einem Auftritt beim "Blues Music Festival" in Walnut Creek, North Carolina, als Höhepunkt (mit dabei u. a. B.B. King, Buddy Guy, Dr. John). Außerdem gab C. im Oktober 1992 seinen "Unplugged"-Einstand für "MTV" im schweizerischen Montreux.

Vorübergehender Rückzug: 1993 verringerte C. seine musikalischen Aktivitäten: Er zog mit seiner Frau Pam Baker, einer Erzieherin, die er im Oktober 1987 geheiratet hatte, vom pulsierenden Kalifornien in das abgeschiedene Colorado, wo er in Crawford eine Ranch erworben hatte. Nach dieser schöpferischen Pause trat C. im Frühsommer 1994 gestärkt wieder an die erwartungsvolle Öffentlichkeit. Es galt nicht nur den 50. Geburtstag gebührend zu feiern, sondern zwei weitere Jubiläen, die die Plattenfirma unter dem Motto "25th Anniversary – 25 Years Of Hit Music" werbewirksam in Szene setzte: Erinnert werden sollte dabei an C.s ersten internationalen Hit ("With A Little Help From My Friends") und seinen legendären Auftritt beim "Woodstock"-Festival. Als Vorab-Single für das angekündigte Album entpuppte sich das Remake des LOVIN' SPOONFUL-Oldies "Summer In The City" als echter Sommerhit, zumindest in Deutschland. Der hübsche Pop-Reggae-Sound passte blendend zum Songinhalt und verlieh diesem eine besondere Note.

Im August 1994 trat C. - als einer der wenigen "Original-Veteranen" - beim "Woodstock"-Jubiläumsfestival in Saugerties auf. Er tat dies mit Würde und Solidität, aber nicht gerade aus Überzeugung. Feierlichkeiten dieser Art waren nicht seine Sache.

Im September 1994 erschien das Album "Have A Little Faith", so benannt nach dem Song von John Hiatt, der auch einer TV-Dokumentation zu Ehren C.s den Titel gab. Namhafte Songwriter wie Robbie Robertson, J. D. Souther, Frankie Miller oder John Miles hatten Kompositionen beigesteuert, auch Tony Joe White, mit dem C. seit einigen Jahren freundschaftlich verbunden war und der mit ihm auch einen Song ("Angeline") gemeinsam verfasst hatte. "Have A Little Faith" stieg wie erwartet in den deutschen Charts sofort hoch ein und setzte sich im Herbst 1994 einige Wochen in den Top 5 fest. In den UK-Charts blieb das Album für längere Zeit in den Top 20. Gekrönt wurde dieser neuerliche Erfolg in England durch eine besondere Ehrung C.s in seiner Heimatstadt: Im November 1994 verlieh ihm die "Sheffield Hallam University" den Ehrendoktor. Gewürdigt wurde dabei nicht nur der berühmte Sohn der Stadt, sondern auch der in der Anti-Drogen-Bewegung engagierte und karitativ wirkende Künstler.

C.s alte Plattenfirma "A & M" veröffentlichte im November 1995 die liebevoll aufgemachte 4-CD-Box "The Long Voyage Home", eine Zusammenstellung seiner größten Songinterpretationen, ergänzt durch etliche Raritäten, z. B. die 16-minütige Fassung des R&B-Klassikers "I Don't Need No Doctor" (einst bekannt geworden durch Ray Charles und HUMBLE PIE).

Cover-Album und neues Material: Im Frühsommer 1996 ließ sich C. vom deutschen "EMI"-Boss Helmut Fest überreden, "ein akustisches Lebenszeichen" (C. in "Fachblatt", 12/1996) für Europa und speziell Deutschland anzufertigen. Auf die Schnelle trommelte Manager Davies eine erlesene Studio-Crew zusammen (u. a. Chris Stainton, Billy Preston, Randy Newman, Jim Keltner, Tony Joe White), und innerhalb von nur fünf Tagen konnten die Aufnahmen unter der Regie von Don Was abgeschlossen werden. Nach gut sechs Wochen war auch die Endabmischung im Kasten. Die Platte kam am 18. Oktober 1996 auf dem europäischen Kontinent unter dem Titel "Organic" auf den Markt. "Allerdings sollte man sie nicht als neue Joe-Cocker-Scheibe ansehen, eher als eine Art Statement, wie alte Songs von mir heute klingen", gab C. zu bedenken ("Fachblatt", 12/1996).

Im Herbst 1996 überraschte C. viele Fans mit seiner Beteiligung an einer "Night Of The Proms"-Tournee, einer etwas umstrittenen Melange von Pop und Klassik. Das holländische ORCHESTER DES XX. JAHRHUNDERTS legte den mit vielen Streichern besetzten musikalischen Teppich für C. sowie die übrigen "Proms" Tony Hadley (SPANDAU BALLET) und Dani Klein (VAYA CON DIOS) aus. Für diese Aktion erhielt C. am 12. Februar 1997 die "Goldene Kamera".

Im März 1997 begannen die Arbeiten am nächsten Studioalbum. Eine ganze Palette extra für C. komponierter Songs (darunter "That's All I Need To Know" von Eros Ramazzotti) sowie einige wenige Klassiker, etwa Bob Marleys "Could You Be Loved" (die Vorab-Single) oder der Blues-Standard "Need Your Love So Bad" (von Little Willie John), umfassten das Repertoire für C. und seine Studiomannschaft (um Chris Stainton und Dean Parks). Als Produzenten agierten im Wesentlichen Chris Lord-Alge und Pete Smith mit C. als "executive producer". Das Ergebnis, das am 1. September 1997 unter dem Titel "Across From Midnight" in die Läden kam, ist stramm auf die Charts hin konzipiert.

Als Kontrapunkt zum cleanen Pop-Opus à la "Across From Midnight" erschien fast parallel (und unbemerkt) ein bemerkenswertes Bluesrock-Dokument aus C.s frühen Jahren: die Live-CD "On Air" mit Aufnahmen der "BBC", die C. mit seiner GREASE BAND zwischen 1968 und 1969 eingespielt hatte.

Erneuter Rückzug mit vereinzelten Aktivitäten: 1998 schaltete C. wieder einen Gang zurück, nahm lediglich eine wenig inspirierte Version des Soulklassikers "What Becomes Of The Broken-Hearted" für ein "Greatest Hits"-Album auf. Selbiges enthält auch "That's All I Need To Know-Difenderó", die Live-Duett-Version von und mit Eros Ramazzotti. Anschließend nahm C. wieder eine längere Auszeit, um sich auf seiner Ranch seinen Hobbys (Angeln, Wandern) und vor allem der Zucht von Rennpferden und Rindern zu widmen.

In aller Ruhe bereitete derweil C.s Management die Aufnahmen für das nächste Album vor. Als allein verantwortlichen Produzenten hatte man den renommierten Sessiongitarristen und Songwriter John Shanks auserkoren. Shanks schrieb – mit diversen Koautoren (u. a. Tonio K.) – C. "( ... ) ein paar griffige Titel auf den fuchtelnden Leib ( ... )" (Uli Twelker in "Good Times" (3/2002) und wählte auch passendes Fremdmaterial aus. Mit einer stattlichen Anzahl von Studiomusikern wurde dann über das Jahr 2001 hinweg in Los Angeles die Songpalette eingespielt. Diese reicht von Uptempo-Nummern wie "You Can't Have My Heart" (Ende März 2002 als Vorab-Single erschienen) über C.-typische Schmuseballaden wie "I'm Listening Now" bis hin zu Neuinterpretationen bekannter Songs wie "Every Time It Rains" (von Randy Newman) oder "Never Tear Us Apart" (von INXS). Luther Ingrams "Respect Yourself" verdankte das Anfang Mai 2002 veröffentlichte Album letztlich seinen Titel.

C.s deutsche Fangemeinde erfreute sich an diversen Festivalauftritten im Sommer 2002, ergänzt durch einige Konzerte in England, den ersten in seiner alten Heimat seit vielen Jahren. Auslöser hierfür war wohl auch C.s Teilnahme an der "Royal Pop Party", die am 3. Juni 2002 im Garten des "Buckingham Palace" anlässlich des 50. Thronjubiläums von Queen Elizabeth II. über die Bühne ging. Das "königliche Pop- und Rockfestival" brachte vornehmlich Altstars wie Rod Stewart, Sir Paul McCartney, Eric Clapton, Steve Winwood und eben C. zusammen (dokumentiert auf der im August 2002 erschienenen DVD "Party At The Palace").

Es folgte eine längere Pause bis zum Frühjahr 2004. Unter der Regie von C. J. Vanston wurden in einem Studio in Los Angeles durchweg Cover-Versionen von (Soul-)Klassikern (z. B. Marvin Gayes "What's Going On"), aber auch von neueren Songs (z. B. U2s "One" oder R.E.M.s "Everybody Hurts") eingespielt. C. stand eine erlesene Crew an Studiomusikern (u. a. Steve Lukather, Lee Sklar) zur Seite. Gitarrensoli steuerten via Internet von England aus Eric Clapton und Jeff Beck bei. Bei der Musikkritik hielt sich die Begeisterung für die im September 2004 veröffentlichte CD "Heart And Soul" in Grenzen. "Unterm Strich ein Mainstream-Album ohne größere Peinlichkeiten ( ... )", resümierte "Good Times" (6/2004) noch relativ zurückhaltend. Im Dezember 2004 nahm C. an der dreiwöchigen "Nokia Night Of The Proms"-Tour teil, der sich eine Solo-Deutschlandtournee im Frühjahr 2005 anschloss.

Wieder daheim auf seiner Ranch in Colorado krempelte C. sein lokales Betätigungsfeld gehörig um: Er gab die aufwendige und wenig einträgliche Rinder- und Pferdezucht auf, intensivierte stattdessen seine Aktivitäten hinsichtlich der von ihm und seiner Frau seit 1999 aufgebauten "Cocker Kids' Foundation", einer karitativen Stiftung, die sich mit Schul-, Sport- und Kulturprojekten für Kinder vornehmlich im Delta County (dem zu Crawford gehörigen Landkreis) engagiert. In einem Interview bekannte er: "Es gibt so viel Armut, sogar gleich in unserer Nachbarschaft. Wir versuchen den Kindern kleine Träume zu erfüllen, zum Beispiel nach einem Musikinstrument" ("Good Times", 6/2004).

In der zweiten Jahreshälfte 2006 war die Zeit reif für ein neues Album. Und man schien C. dieses Mal endlich ein gewichtigeres Wort bezüglich Songauswahl und Produktion zuzugestehen. In einem Interview für "DIE WELT" (10.4.2007) erläuterte er, was sich verändert hatte: "Die Authentizität des neuen Albums wurde von meinem Produzenten Ethan Johns, der diese ganzen Retro-Sounds liebt, vorangetrieben. Wir haben so aufgenommen, wie ich es in den Sixties gewohnt war." Sprich mehr oder weniger unter Live-Bedingungen, ohne großen technischen Aufwand.

Als Vorab-Single wurde die groovende Uptempo-Nummer "Hymn 4 My Soul" (aus der Feder von Andy Fairweather-Low) veröffentlicht, im Mai 2007 folgte schließlich das gleichnamige Album. Im Vorfeld war C. am 25. März 2007 beim "Europafest" der Bundesregierung in Berlin anlässlich des 50. Geburtstages der EU aufgetreten. Dass sich "Hymn For My Soul" in den deutschen Top 100 mehrere Wochen halten konnte (# 8), war zu erwarten. Ungewöhnlich hingegen war die gute Platzierung in seiner alten Heimat: Rang 9 in den UK-Charts!

Insgesamt erhielt das neue, mit einer vergleichsweise kleinen Truppe eingespielte Album gute Kritiken: "( ... ) ein Werk aus einem Guss, ohne den Pomp und Geigenschmalz, den man seit langem von Cockers Platten gewohnt ist" ("SPIEGEL", 2.4.2007). Weniger gnädig fiel hingegen Frank Schäfers Rezension im "Rolling Stone" (5/2007) aus: "Glatte Rhythm'n'Blues-Covers mit bekannten Gästen, ohne Risiko."

Eine Ehrung der besonderen Art wurde C. am 16. Juni 2007 zuteil. Queen Elizabeth zeichnete ihn mit einem Verdienstorden, dem "Officer Of The British Empire" (OBE), aus.

Tourneen – Pausen – Platten: Im August 2007 begeisterte der "Zeremonienmeister des Coversongs" ("Kieler Nachrichten", 23.8.2007) über 10.000 Zuschauer beim "Summer Beach Festival" in Eckernförde. Am 22. September 2007 erhielt C. im Rahmen des "SWR3-New Pop Festivals" für sein Lebenswerk die Auszeichnung "Pioneer of Pop". Es schloss sich eine längere Herbsttournee durch Deutschland an, mit einer achtköpfigen Band um Keyboarder Mike Finnegan. Dabei präsentierte C. auch seine Version des Lennon/McCartney-Songs "Come Together". Die stammt aus "Across The Universe", einem amerikanischen Musical-Film mit BEATLES-Stücken (Regie: Julie Taymor), in der C. nicht nur besagten Song zum Besten gab, sondern auch eine kleine Dreifach-Rolle als Nobel-Dealer, Penner und Hippie-Freak spielte.

C. gönnte sich für eine Weile wieder eine Auszeit und erfreute sich 2009 an der Komplett-Veröffentlichung seines "Woodstock"Auftritts anlässlich des 40-jährigen Festival-Jubiläums. Carlos Santana, den er seinerzeit kennengelernt hatte, bat ihn, sein Album "Guitar Heaven" (2010) mit einem Gastbeitrag zu beehren, eine Anfrage, der C. gerne nachkam, und so übernahm er bei der Hendrix-Nummer "Little Wing" die Lead-Vocals.

C.s Management hatte derweil einen neuen Plattendeal mit dem "Sony"-Label "Columbia" an Land gezogen. Um den Kontakt zu einem jüngeren Publikum nicht zu verlieren, sollte ein zeitgemäßes Album eingespielt werden, mit neuer Crew und neuem Produzenten. Der fand sich in Matt Serletic (u. a. MATCHBOX TWENTY, COLLECTIVE SOUL), seines Zeichens auch Keyboarder und Songwriter. Die Aufnahmen für "Hard Knocks", so der Titel der CD, entstanden in "Serletics Studio" in Calabasas, unweit von Los Angeles gelegen. Die zehn ausgewählten Songs sind gewohnt professionell produziert, aber eben auch recht routiniert und clean. Gleichwohl gelang es C., den meisten doch Leben und Seele einzuhauchen, so dem Titelsong oder "Get On", die beide sehr funky daherkommen, und dem Schlusspunkt, der gefühlvollen Ballade "I Hope" – im Original von den DIXIE CHICKS. Die Musikkritik monierte allerdings Serletics Produzentenjob: "Der hat Cockers Blues ordentlich blankgeputzt, bis kaum noch Nackenschläge zu spüren sind. Schade eigentlich" ("Rolling Stone", 10/2010).

"Hard Knocks" kam im Oktober 2010 - wie so oft in C.s Karriere - zuerst in Deutschland auf den Markt und eroberte Platz 1 der Charts. Die dazugehörige Herbsttournee lockte über 100.000 Besucher in die Hallen, und auch das Album erreichte Gold-, schließlich Platin-Status. Während sich auch in Österreich und der Schweiz ein ähnlicher Erfolg einstellte, fiel das Album in den USA und im UK durch.

Um seinem ehemaligen Musikerkollegen Cornell Dupree, der an einem Lungenemphysem litt, seine Solidarität zu beweisen, trat C. am 20. März 2011 bei einem Benefiz-Konzert in B.B. Kings New Yorker "Blues Club" auf. Damit sollte eine Lungentransplantation finanziert werden. Doch die Aktion kam zu spät: Dupree starb wenige Wochen später am 8. Mai.

Die Regelmäßigkeit der CD-Veröffentlichungen, vor allem für die treuen Fans in Deutschland, wurde mit dem lange schon im Vorfeld angekündigten Nachfolge-Album "Fire It Up" untermauert. Der flotte Titelsong bekam im Oktober 2012 als Vorab-Single gutes Airplay, und Ende November konnte sich der Longplayer kurz nach Erscheinen in den deutschen Charts platzieren (# 2).

"Sony" hatte erneut auf Produzent Serletic und dessen Studiocrew gesetzt. Es kamen Kompositionen von weniger bekannten Songwritern zum Zuge, wobei der Mix aus Uptempo- und Slow-Songs stimmiger und abwechslungsreicher erscheint. Einer der Highlights: die fulminante Version des Songs "I Come In Peace", den C. von der australischen Band THE ANGELS übernahm. Die Premium-Edition von "Fire It Up" enthält neben der um zwei Bonus-Tracks (Marc Cohns "Walk Through The World With Me" und "The Last Road") erweiterten CD noch eine DVD mit sechs Video-Clips. Die Rezensionen des Albums fielen diesmal versöhnlicher und positiver aus: "( ... ) denn es weist alle Cocker-Kennzeichen auf: solides Rock-Handwerk, Mainstream-Balladen, obligate Röcheleinlagen. Zünftig!" ("Rolling Stone", 12/2012).

Im April 2013 startete eine sechswöchige Tour durch Deutschland. Wenige Wochen zuvor, Anfang Februar, hatte C. die "Goldene Kamera" für sein Lebenswerk erhalten.

Zu diesem Zeitpunkt war bei C. bereits Lungenkrebs diagnostiziert worden, was aber nicht an die Öffentlichkeit drang. Hinweise auf eine schwere Erkrankung C.s äußerte Billy Joel Mitte September 2014 während eines Konzerts im "Madison Square Garden" und befürwortete dabei die Aufnahme seines Musikerkollegen in die "Rock And Roll Hall Of Fame". Unterdessen hatte C. offenkundig die Arbeiten an einem neuen Album aufgenommen.

Tod: C.s Management teilte den Medien schließlich mit, dass der Ausnahmesänger in der Nacht auf den 22. Dezember 2014 in seinem Anwesen in Crawford seinem Lungenkrebsleiden erlegen sei. C. hinterließ neben seiner Ehefrau Pam seinen Bruder Victor, die Stieftochter Zoey Schroeder sowie die beiden Enkelkinder Eva und Simon Schroeder. Im Rahmen einer kleinen Gedenkfeier nahm die engere Familie von C. Abschied, bat Fans und Freunde um Spenden für "Cocker Kids' Foundation".

Zahlreiche Nachrufe in aller Welt würdigten Leben und interpretatorisches Werk des bescheiden gebliebenen Künstlers. Dass er auch fähig war, zumindest als Coautor eigene Songs zu entwickeln, blieb weitgehend unerwähnt.

Diskographie

  • "With A Little Help From My Friends" (1969), Intercord
  • "Joe Cocker!" (1969), Polydor
  • "Mad Dogs & Englishmen" (1970), A & M (live; Doppel-LP)
  • "Something To Say" (1972), Cube
  • "I Can Stand A Little Rain" (1974), Cube
  • "Jamaica Say You Will" (1975), Cube
  • "Stingray" (1976), A & M
  • "Live In L. A." (1976), Cube (live; rec. 1972)
  • "Luxury You Can Afford" (1978), Asylum
  • "Live In New York" (1981), Virgin/Liberation (live; nur in Japan, Australien u. Neuseeland erschienen)
  • "Sheffield Steel" (1982), Island
  • "Civilized Man" (1984), Capitol
  • "Cocker" (1986), Capitol
  • "Unchain My Heart" (1987), Capitol
  • "One Night Of Sin" (1989), Capitol
  • "Joe Cocker Live!" (1990), Capitol (live; Doppel-LP; rec. 1989)
  • "Night Calls" (1991), Capitol
  • "Have A Little Faith" (1994), Capitol
  • "Organic" (1996), EMI
  • "Night Of The Proms Vol. III" (1997), EMI (live)
  • "On Air" (1997), Strange Fruit (live; rec. 1968-69)
  • "Across From Midnight" (1997), EMI
  • "No Ordinary World" (1999), EMI
  • "Vance Arnold & The Avengers" (1999), Voiceprint (live; rec. 1963)
  • "Standing Here" (2001), NMC (live; 2 CDs; rec. 1981)
  • "Respect Yourself" (2002), Parlophone/EMI
  • "Heart And Soul" (2004), Capitol/EMI
  • "Hymn For My Soul" (2007), EMI
  • "Live At Woodstock" (2009), A & M (live; rec. 1969)
  • "Hard Knocks" (2010), Columbia
  • "Fire It Up" (2012), Columbia
  • "Fire It Up Live" (2013), SevenOne (2 CDs)

Sampler (Auswahl):

  • "Cocker Happy" (1971), Ariola
  • "The Platinum Collection" (1981), Cube
  • "Definite" (1986), Dino
  • "Best Of Joe Cocker" (1992), Capitol
  • "The Legend - The Essential Collection" (1992), Polydor
  • "25th Anniversary - 25 Jears Of Hit Music" (1994), Capitol
  • "The Long Voyage Home" (1995), A & M (4-CD-Box)
  • "Greatest Hits" (1998), Capitol/EMI

Best Of/Hitlist

  • Precious Words (1964)
  • Marjorine (1968)
  • With A Little Help From My Friends (1968)
  • Feeling Alright (1969)
  • The Letter (1979)
  • Pardon Me Sir (1973)
  • You Are So Beautiful (1975)
  • The Jealous Kind (1976)
  • A Whiter Shade Of Pale (1978)
  • Up Where We Belong (1982) (m. Jennifer Warnes)
  • A Girl Like You (1984)
  • Inner City Blues (1986)
  • Two Wrongs (1987)
  • Another Mind Gone (1989)
  • Night Calls (1991)
  • Please No More (1991)
  • Summer In The City (1994)
  • Into The Mystic (1996)
  • Could You Be Loved (1997)
  • N'oubliez jamais (1997)
  • What Becomes Of The Broken-Hearted (1998)
  • First We Take Manhattan (1999)
  • You Can't Have My Heart (2002)
  • Hymn 4 My Soul (2007)
  • Fire It Up (2012)

Mai 2015: Die Stadt Dresden ehrt den britischen Rocksänger Joe Cocker posthum mit einer Gedenktafel an dem Platz, wo Cocker am 2.6.1988 noch zu DDR-Zeiten vor 85.000 Zuhöreren ein "legendäres" Konzert gab.

Literatur

  • Laufenberg, Frank: Joe Cocker. Rastatt 1988.
  • Bean, J. P.: With A Little Help From My Friends - Joe Cocker. Wien 1991.
  • Graf, Christof: Joe Cocker - die Biografie. Höfen 2014.

Adresse

Letzte Adresse: Internet: www.cocker.com

Joe Cocker

siehe auch




Lucene - Search engine library